LYRICSBUCHSATIREALLERLEIL ́ART POUR...HALBSTARK

TEXTS - SATIRE HALBSTARK

ALLE TEXTE: © HEIDI INFFELD

Geburtstag

 

Meine Kinder wissen, - mit meinem Geburtstag bin ich heikel. Andere Menschen ignorieren die Tatsache, dass sie wieder ein Jahr älter geworden sind, ich aber zelebriere diesen Vorgang ausgiebig mit meinen Freunden. Je älter ich werde, desto lieber und ausgiebiger feiere ich , und mein Geburtstag ist kein Tag mehr, sondern eine Festivalwoche, bis ich alle freiwilligen Feierwilligen durch habe.

Natürlich gibt´s auch ein Familienfest. Die Omi köchelt zu diesem Zweck einen halben Tag lang und erwartet, dass abends die Truppe vollständig antritt.

Irgendwie passiert es dieses Jahr, dass mir mein Sohn eine Stunde vor Festbeginn „durch die Lappen geht“.

Angeblich, so der Rest der Sippe, soll er das Chaotische, Spontane von mir haben. Daran liegt´s wohl, dass ich vergessen habe, ihn rechtzeitig auf das Abendprogramm einzustimmen.

Als ich die Tür ins Schloss fallen höre, nachdem das gute Kind sich ausnahmsweise den ganzen Nachmittag mit schulischem „Kram“ beschäftigt hat, denke ich mir nicht viel.

Höchstens, er will wahrscheinlich eins der vielen „fliegenden“ Blätter, die bei ihm tatsächlich immer Flügel kriegen, und die er sich deshalb vor lebenswichtigen Prüfungen von einem ordentlicheren Kollegen ausborgen muss, zurückbringen.

Er ist weg. Weg, wie das berühmte „Würstel vom Kraut“, und ich schäume.

Weiß ich doch, dass alle, insbesondere die Omi, befremdet bis empört sein werden.

Familienessen sind heilig, zwar von einer schrillen, Fellini-artigen Heiligkeit, aber heilig. Also telefoniere ich.

An der Strippe sind verschiedene „Kontaktpunkte“ meines Sohnes, die er nach nervigen Lerneinheiten zwecks Entspannung aufzusuchen pflegt.

Der erste Punkt ist eine Pleite.

Der zweite ebenfalls.

Der dritte ist der erfolgversprechendste. Dort hausen drei Jungs mit einer kleinen Schwester. Neben den vielen Freunden, die dort ihren Stammtreff und ihr Party-Areal haben, scheinen auch Eltern zu existieren, aber angenehm dezent im Hintergrund.

Als ich dort anrufe, hebt die kleine Schwester ab. Ich verlange, einen der größeren Brüder zu sprechen. Dieses Anliegen brüllt die Kleine offensichtlich über eine Stiege hinauf ins Obergeschoss.

Vor meinem inneren Auge ersteht in kompletten Bildern die häusliche Situation, denn oben scheint sich ein streitähnliches Gefecht von Zimmer zu Zimmer zu entspinnen, wer denn nun kompetent sei, das „unnötige“ Gespräch entgegenzunehmen.

Offensichtlich will keiner mit mir reden.

Aber die Kleine hält mich bei Laune : „Es wird schon einer kommen!“ Geborene Optimistin. Irgendwie hab ich das Gefühl, Schlurfgeräusche auf der Treppe zu vernehmen, ja, tatsächlich, da nähert sich wer!

Der Unterlegene in dem Gefecht bemüht sich mit Sicherheit widerwillig an den Apparat.

„Jaaa? - Nein, der ist nicht da.“ Punkt. Diese erschöpfende Auskunft hätte mir die kleine Schwester auch erteilen können. Aber ich trage freundlich und unbeirrbar durch eine Welle von Abwehr hindurch mein Anliegen vor : Geburtstagsessen, - Sohn, bzw. Freund unabdingbar benötigt, - falls noch auftaucht, - sofort „Kehrt euch“, - Marsch Richtung Oma.

Ich weiß nicht, was nach dem Auflegen des Hörers auf der anderen Seite geknurrt wird, aber ich kann mir´s vorstellen. Sicher hab ich mit dem absolut „ätzenden“ Gespür der Mütter gerade eine heilige Heavy-metal-Handlung unterbrochen, oder, was noch schlimmer ist, den einzigen, mühsam gefassten Gedanken verscheucht, der einem zu einer überflüssigen Hausübung eingefallen wäre.

Ich weiß.

Trotzdem kann ich´s nicht lassen, vor unserem Abmarsch Richtung Geburtstagsessen noch einmal dort anzurufen.

Es ist wieder mein armes Opfer dran. Ich erkenne es an der schleppenden, gequälten Stimme.

Nein, er ist immer noch nicht da. Ja, er wird es ihm sagen.

Natürlich. Drüben, säuerliche Miene von seiten der Omi, Befremden vom Rest.

Aber ich bin schließlich das Geburtstagskind, und keiner traut sich ernstlich was zu sagen.

Wir sind schon beim Nachtisch. Der gute Knabe wird wohl gleich mit hängender Zunge und schuldbewußter Miene auftauchen. Ein Plakat klebt an unserer Wohnungstür zu Haus, mit meinem berüchtigten zeichnerischen Kürzel, dem Totenkopf, der mit seinem Grinsen der Familie selten Gutes verheißt.

Das soll ihn umgehend in die großmütterlichen Gefilde umlenken. Ich seh ihn förmlich vor mir, wie er vor der plakatierten Tür steht, sich mit der flachen Hand aufs Hirn haut und auf dem Absatz kehrtmacht.

Aber es hetzt keiner heran und es läutet auch keiner Sturm.

Alles hat resigniert, der Sohn, Enkel, Neffe, Bruder wird uns heute nicht mehr die Ehre erweisen. Keiner merkt, dass sich in meinem Innern ein Gewitter zusammenbraut.

Als wir um halb elf zu Haus sind, ist er immer noch nicht da. Und das wochentags! Was glaubt der Bengel? Meine Wut hat wahrlich fast nichts mit meinem Geburtstag zu tun.

Um elf knallen rücksichtsvolle Steinchen an mein Fenster, um das Schwesterlein nicht durch Geklingel zu wecken. Schleimer! Der kann was erleben! Ich bin verdutzt, einen solch antiquierten und pädagogisch verwerflichen Satz zu denken...

Sein Vater lauert ihm schon an der Eingangstür auf und will ihm eine Standpredigt halten.

Aber ich will heute Blut sehen. „Überlass ihn mir“ , sag ich gefährlich leise, gepresst und beherrscht.

Also bringt er den Delinquenten zum Richtblock, direkt vor den Scharfrichter, nicht ohne Vergnügen, will mir scheinen, ja, er schwärzt ihn auch noch an : „In der Stadt war er, mit einem guten Freund Geburtstag feiern!“

„Ja ehrlich!“ Und ich erfahre, dass der jüngste der drei unseligen Brüder, deren kleine Schwester ausgebildete Telefonistin ist, auch heute Geburtstag hat. Nein so ein Zufall! Wie rührend, und meinen Geburtstag vergisst du einfach, Bürscherl?

„Aber hast du nicht erst, Mama?“ stammelt der unselige Riesenmensch und wirkt plötzlich etwas kleiner.

Ich schleudere ihm eiskalt entgegen, um meinen Geburtstag gehe es hier wahrlich nicht.

Aber: Er sei wieder einmal ohne ein Sterbenswörtchen verschwunden, trotz anderslautender elterlicher Weisung. Die Omi hätte ein sagenhaftes Menü gekocht, im Quantum auf seinen Riesenmagen abgestimmt. (Ich bin gemein genug, ihm die Speisefolge zu schildern und sehe befriedigt, wie er zu schlucken beginnt.) Und außerdem, außerdem sei heut ein Wochentag. Seine schulischen Glanzleistungen ließen an Wochentagen wohl kaum ein Nachhausekommen um lockere Elf zu.

Er versucht sich beachtlich zahm zu wehren, bei seinen Freunden hätte ihm keiner was ausgerichtet, als er dort war. Ehrlich nicht.

Da meint der Vater, so bescheuert könnten seine Freunde doch gar nicht sein, ihm nicht zu sagen, dass seine Mutter unter dem Motto „dringend“ zweimal angerufen hätte.

Er versucht, das mit zeitweisen Absenzen des einen der Brüder zu entschuldigen, aber ich bin diesmal stahlhart und schreite zur Urteilsverkündung.

„Du bleibst die nächsten vierzehn Tage zu Haus, und zwar nicht, wie du vielleicht meinst, als Strafe, sondern als Gelegenheit, dir durch konsequentes Lernen deine diversen Mahnungen auszubessern.“

Schicksal als Chance! Fieser geht´s nicht, Mutter. Es ist die einzigartige Möglichkeit, diesen Vagabunden ganz legal einzulochen, damit er für seine Prüfungen lernt. Dieses Glück!

Anderntags zu Mittag kehrt er von der Schule heim. Unser Umgang ist etwas unterkühlt. Später drückt er sich zu einem Vier-Augengespräch bei der Küche herein :“Nur dass du´s weißt, Mama, alle waren sauer auf IHN, alle. Weil er mir nichts ausgerichtet hat und ich jetzt zwei Wochen Hausarrest hängen habe...“ ( Er meint selbstverständlich - unschuldig, wie in „Fremde Ketten“.) Auch das rührt mein Herz aus Stein nicht.

Eins hätte es allerdings rühren können, - das Telefonat am Nachmittag, das mein Mann in meiner Abwesenheit entgegennimmt.

Auf der anderen Seite ist jener unwillige Telefonierer, mit dem ich zweimal das Vergnügen gehabt habe, und der meine Anrufe unter „mütterliche Belästigung“ verbucht und in einer Sackgasse seines Gehirns abgelegt hat.

Er entschuldigt sich für seine Fehlleistung. Mein Mann sagt ihm wenig Freundliches.

Das tut mir nachträglich etwas weh. Denn es ist ihm sicher nicht leicht gefallen, unter dem Druck der Gruppe irgendwelche „öden Alten“ anzurufen, um einen Fehler einzugestehen und seinem gefangengesetzten Kumpel zu helfen.

Ich denke mir meinen Helden an der gleichen Stelle. Eine durchaus realistische Vorstellung, denn auch er ist oft ähnlich ferngesteuert.

Aber keine Sentimentalitäten.

Die vierzehn Tage steh ich durch, so eine Okassion kommt nicht so schnell wieder.

Der Kater teilt den Arrest treu mit seinem Herrn und liegt schnurrend oder seufzend auf dem angenehmen Durcheinander von Heften unter der kosig warmen Schreibtischlampe.

Ich weiß nicht, ob sie die Klausur nicht sogar genießen.

 


 

Nichteinkauf einer Winterjacke


Immer wurde ich von unseren Freunden und Bekannten für meinen Sinn für Kleidung bewundert.
Bis meine Tochter ins „schwierige Alter“ kam, wurde ich in dem Aberglauben belassen, ich verstünde etwas vom Anziehen.
Das ist jetzt schlagartig anders geworden. Mir dämmert, daß ich keinen Schimmer habe, was gut aussieht, Verzeihung , was „in“ bzw. „mega-out“ ist.
Mit gutem Aussehen hat das , wie mir von höherer Stelle und mit Fachkompetenz mitgeteilt wird, ohnehin nichts zu tun. Es geht mehr um Atmosphärisches, um undefinierbaren Stil, ja, eigentlich um Weltanschauung.
Die bevorzugte Farbpalette reicht von staub- über mausgrau bis schimmelgrün. Eigentliche Farben, wie sie der erwachsene Naivling kennt, sind aufdringlich und nahezu ekelerregend.
Je fetziger der Look, desto höher schlägt das Herz meiner Tochter. Dass die Patchwork-Häkelmodelle, die wir seinerzeit heimlich während der Schulzeit unter der Bank aus Wollresten hergestellt haben, heute so manchen Boutiquenbesitzer reich machen, will mir auch nicht so recht einleuchten.
Sprüchlein, wie: „Ich will dich ja nicht beeinflussen, aber...“ ziehen schon lange nicht mehr. Kaum sind wir in einem der Textiltempel, habe ich mich nur mehr bescheiden und stumm im Hintergrund zu halten,  unauffällig die Geldtasche in der linken Hand in Bereitschaft, sollten wir das seltene Glück haben, auf ein Stück ihrer Wahl zu treffen.

Es begibt sich nun, dass Töchterlein morgens  ( es ist schon November) Richtung Bus trottet und fröstelt, weil es ein gar dünnes, aber modisch akzeptables Röcklein trägt.
„Warum ziehst nicht die Daunenjacke vom letzten Jahr an?“ rufe ich nicht zum ersten Mal hinterher, als sie über die bereifte Wiese stapft. „Mir ist nicht kalt!“ kommt es Zähne-klappernd aus der Ferne.
Ich zucke die Achseln und ahne,  die Jacke, die wir vergangene Saison unter großen Mühen und mit einem ordentlichen Batzen Geld erstanden haben, ist untragbar.
Am Nachmittag insistiere ich : „Wieso ziehst die grüne Jacke nicht mehr an ? Die steht dir doch so gut!“ Irgendwas von „Micheline-Männchen“ erfahre ich, jemand aus der Klasse hat es hohnlachend gegen Tochter und Jacke geschleudert.
Untermauert wird das Ganze noch durch meiner Tochter beste Freundin, die nach der Micheline-Verhöhnung um ihre sprichwörtlich ehrliche Meinung gebeten worden ist. Und diese ist wirklich vernichtend: „Also, ehrlichgesagt, du schaust wirklich witzig aus in der Jacke. Wie die Bulldogge aus dem Zeichentrickfilm, - oben aufgeblasen und unten die dünnen Beine...“
Todesurteil für ein wirklich gutes Stück.

Wie bring ich das dem Mode-noch-unkundigeren Vater bei? Es wird ihm an Einsicht fehlen und er wird starke finanzielle Gegenargumente auffahren.
Natürlich täusche ich mich nicht.
Ich führe aber jugendliches Selbstwertgefühl ins Treffen, und wie sehr die wacklige pubertäre Seele durch Spott zu treffen sei. Ich intoniere in allen möglichen hämischen Nuancen das Wort „Micheline-Männchen“, allein, der Vater lässt sich von möglichen Seelenverkrümmungen seiner Tochter nicht beeindrucken.

Gott sei Dank gibt es in der Großfamilie zuweilen mitleidige Großmutterohren, die das psychologische Einfühlungsvermögen zeigen, das die unmittelbar Erziehungsberechtigten  oft vermissen lassen.
„Ich kauf dir die Jacke, mein Mausi...“ sagt die Omi und schickt mich mit ihrer Enkelin und einer bestimmten finanziellen Schmerzgrenze im Kopf versus Modewelt.
Ich glaube mich schon gut trainiert beim Einkaufen, denn ich weiß, dass der edle Geschmack meiner Tochter  - den man den Stücken übrigens kaum ansieht - nur sehr schwer zu befriedigen ist.

Wir ziehen von einem Geschäft ins andere. Ich bin freundlich, konziliant, entschuldigend, so wie meine Tochter herablassend, unnahbar, beleidigt und beleidigend ist, wenn ihr die nichtsahnende Verkäuferin wieder einmal etwas „völlig Unmögliches“ zeigt.
Nach einiger Zeit, als ich meine Füße zu spüren beginne, bin ich auch ratlos.
Wie die Jacke aussehen soll, weiß ich wahrhaftig nicht. Wie sie aber nicht aussehen soll, wird mir spätestens beim Marathon am zweiten Tag klar.
Wir haben alle Geschäfte nach „der“ Jacke durchforscht, teure, billige, große, kleine Läden, vergebens.
Ich bin sauer und sage schneidend: „Eine Jacke, die DIR gefällt, liebes Kind, die gibt es nicht. Vielleicht kauft dir die Omi einen Stoff und näht dir eine.“ Ich kündige auch gleich an, dass ich mich für den Stoffkauf nicht zur Verfügung stelle, da ich ja ohnehin keinen Geschmack hätte.
Das beeindruckt die Tochter wenig. Sie hängt schon an der Strippe und zwitschert mit einem Liebreiz in der Stimme der Oma ins Teleohr, was sie sich vorstellt!

Anderntags stechen die beiden in die Innenstadt. Abends kehren sie wieder, die Oma etwas grau im Gesicht, die Enkelin strahlend.
„Mama, das ist er!“  So wird sie mir einmal ihren Auserwählten vorstellen. Ich denke, was sich mir jetzt wohl für ein Wunder an Stoff offenbaren wird und starre entgeistert auf einen dunkelblau – dunkel-dunkelblauen Fischgrät-Wollstoff - wie anno dazumal.
Sofort habe ich mich wieder in der Gewalt und lüge überzeugend: „Wunderschööön!“ „Gelt?“
- strahlt die Anspruchsvolle und die Omi raunt verhalten an meine Adresse : „Billig war er ja nicht gerade, aber IHR hat er so gefallen...“

Als ich das Preisniveau vernehme, bleibt mir der Mund offen und in Gedanken ziehen die Ausverkaufsstoffe an mir vorüber, die seinerzeit verwendet wurden, um  meine Blößen zu bedecken. Ein kleiner Anflug von Neid überkommt mich.
Es folgen tagelange telefonische und persönliche Verhandlungen, Schnittabänderungen, Anproben, Gipfeltreffen.

Endlich. Das Stück ist fertig.
Drei Generationen versammeln sich vor dem Spiegel, die jüngste in vorderster Front, mit kritischem Blick.
An der jäh auftauchenden Falte an der Nasenwurzel meiner Tochter erkenne ich, dass etwas „falso“ ist.
Auch die Omi merkt`s.
Dann meint ihr reizendes Enkelkind mit kritischem Unterton : „Das ist aber nicht unser Schnitt!“ Ich sehe, wie der Omi anflugsweise Erziehungsmethoden aus früherer Zeit durchs Gehirn wallen, aber dann beherrscht sie sich.
Die Jacke wird nach der Mängelerhebung noch einmal seziert und neu zusammengebaut. Und ich glaube, die Omi hat innerlich einen Schwur getan.
Die nächste Jacke werden wir wohl wieder von der Stange kaufen.

 


 

Novembertief


Wer säet, der erntet, und umgekehrt, wer nicht säet im September, Oktober, erntet im November eine Serie „Deckel“.
So geschieht es mit schöner Regelmäßigkeit meinem Sohn, und unsere Beschwörungsreden, die fast simultan mit dem Schulbeginn einsetzen, werden immer mit der beruhigenden Äußerung - „Wir machen eh noch nichts...“ - quittiert.
Wo die unsichtbare Grenze liegt, bis zu der „noch nichts“ getan wird, und ab der die unverständigen Professoren dann doch die eine oder andere geistige Manifestation erwarten, das liegt noch jenseits der Einsicht unseres Sprosses.

Er genießt einen feriengleichen Herbst von entspannter Leichtigkeit, unterbrochen von einigen lästigen Schulstunden, die er zum Ausschlafen benützt, um für das eigentliche Leben wieder fit zu sein.
Aber wie im Salzburger „Jedermann“ ereilt den allzu dreisten Genießer das Schicksal  und die Novemberstimmung wird von Nichtgenügend  zu Nichtgenügend immer flacher,  bis sie in eine ausgewachsene Depression mündet.
Wir, die Eltern, halten uns erst einmal zurück. ( - „Der muß doch schon langsam selber wissen, wann er zu lernen hat...“ ).
Beim Französisch-“Fleck“ lassen wir uns damit vertrösten, daß er heuer in den Lerngegenständen noch (!) überall positiv sei, (-wahrscheinlich hat ihn keiner was gefragt-), beim Deutsch-“Fleck“ schauen wir uns verständnisinnig an ( -„was hätte er da schon lernen können?“), aber von Notenniederung zu Notenniederung wird die Elternseele engstirniger, bis sie in Gestalt einer zweiköpfigen Hydra ins Zimmer des wehrlosen Sohnes geifert : „Du gehst jetzt die nächsten zwei Wochen nicht fort und wirst einmal anständig lernen!!!“

Der Vater wird lauter, als in dem kleinen Zimmer nötig, er ist ohnehin viel zu gut zu verstehen, und auch ich gebe meinen Senf dazu : „Du warst ja wirklich nur unterwegs, jetzt mußt eben reinbeißen, sonst geht´s schief,  sowie´s   im letzten Jahr fast schiefgegangen wär!“
Der Gute meint darauf tatsächlich, im letzten Jahr hätte er die fünf Mahnungen sowieso fast allein gemanagt. Er deutet sogar an, daß meine Teilnahme an der Operation „Mahnungsbeseitigung“ eher hinderlich und hemmend gewesen sei.

Da wird´s dem Vater zu viel : „Du bist wohl nicht ganz dicht, durchgeflogen wärst du ohne die Mama!!!“
Ich hülle mich in nobles, gekränktes Schweigen und denke an die Kasernierungszeit vom Heiligen Abend bis zum Februar, als ich dem Genie geistig unter die Arme griff. Ich denke an den Nervenverschleiß, die Wutausbrüche, die ungezählten Stunden am Computer.
Das geht ihm gegen den Stolz, dem Sohn.  Er, - von mütterlicher Hilfe abhängig, - ha!
Dann verweist er noch auf die glänzende Schulkarriere seines Vaters, die an der Grenze zwischen fünfter und sechster Klasse eine Schnittstelle aufweist.  „Ich bin bis jetzt immer durchgekommen!“ sagt er nicht ohne Verachtung und Triumph.

Nun, den Vater rührt das nicht und er beharrt auf seinem mittelalterlichen Ausgehverbot.
Der Sohn schnaubt wütend, als wir das Zimmer verlassen, wir haben seinen empfindlichsten Nerv getroffen, die Freiheit des Individuums.
Später klopfe ich zaghaft. „Was is??“ knurrt es von drinnen.
Als ich öffne, sitzt er im Türkensitz auf seiner Couch. Auf dem gegenüberliegenden Wandbord steht eine brennende Kerze, die er unverwandt anstarrt. Alles ist verfinstert, weil er die Jalousien heruntergelassen hat.

Er wirkt wie ein Satansjünger und ich erschauere. Wahrscheinlich projiziert er gerade seinen ganzen Haß auf uns lebensfeindliche Verhinderer in die Flamme.
Schnell fällt mir ein Trick ein, um den beängstigenden Bann zu brechen.
„ Ich hab mit dem Papa geredet“, lüge ich,  aber das biege ich schon hin, „heut, weil Samstag ist, kannst du am Abend weg, nur unter der Woche nicht, das muss dir klar sein. Und jetzt tu was für die Schule!“

Plötzlich lösen sich die starren Züge, werden wieder lebendig. Er erhebt sich, murmelt sogar „danke“ und schleicht zu seinem Schreibtisch, um Englischvokabeln zu strebern. Vielleicht schafft er die Schule doch noch und wir sind  mit knapper Not einem Ritualmord entkommen.

 


 

Vegetarisch

 

Wer bei uns klingelt, wird zuallererst einmal von den vielen Stickern neben der Glocke darauf hingewiesen, dass Norwegen wieder Wale schlachtet und wir deshalb keinen norwegischen Fisch kaufen, dass hier Leute wohnen, die WWF, „Vier Pfoten“ und allerlei andere mildtätige und militante Tier-und Naturschutzorganisationen unterstützen.
Hinter alldem steckt meine Tochter und ich bin nicht wenig stolz auf ihr früh erwachtes Bewusstsein und Engagement.


Ich leiste ihr auch Schützenhilfe gegen den mit weniger Bewusstsein ausgestatteten männlichen Part der Familie, der immer noch Duschbäder der großen Konzerne verwendet, weil sie ein Drittel von dem kosten, was man für tierversuchsfreie Produkte hinblättert.
Da meine Tochter ein sogenannter „Schnitzeltiger“ ist, aber eben einer mit Bewusstsein, kaufen wir Fleisch und Eier nur mehr bei bestimmten Bauern, wo´s die „Viecherln“ definitiv gut haben.


Einer der Bauern war nicht wenig erstaunt, als von meiner Tochter ein Lokalaugenschein im Stall vorgenommen wurde, denn behaupten kann man ja bald was...
Nur, - eines schönen Mittags kommt das liebe Kind heim und erklärt mir, es sei soeben Vegetarierin geworden und es grause ihm vor dem Naturschnitzel in der Pfanne. Ich entferne das anstößige Gericht aus Blick- und Riechweite und klatsche nur die Beilagen auf den Teller.


Meines Fräulein Tochters erlesener Gaumen verträgt ohnehin nur eine beschränkte und feine Auswahl an Speisen.
Da sie nun beschlossen hat, nur mehr Zutaten aus dem Reich der Flora zu sich zu nehmen, ist die Anzahl der akzeptablen Gerichte auf ein Minimum gesunken.

Die Fotos in den vegetarischen Kochbüchern sind oft Lug und Trug, stellt sich heraus.
Das heißt, uns Nichtvegetariern schmecken Broccoliauflauf und Bircher-Benner- Kartoffeln gar nicht schlecht, nur dem tierlieben Kind wachsen Falten auf der Stirn, wenn es kostet.

Und wenn ich den kannibalischen Gelüsten der Restfamilie Rechnung trage und Hühnerfilets backe, nimmt das Mädchen mit anklagendem Blick sein Gedeck, um auf seinem Zimmer zu essen, vertrieben vom barbarischen Schnitzelduft, den wir Rohlinge verbreiten.
Es läuft ihr sicher das Wasser im Mund zusammen, aber Prinzip ist Prinzip, und Standvermögen hat sie, das muss man ihr lassen.